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09. Februar 2012
Kriegsgräberstätte für die ausländischen Opfer des Zweiten Weltkriegs Drucken
Im Hintergrund, in Blickrichtung auf die angrenzenden Gärten, befindet sich die letzte Ruhestätte vieler ausländischer Opfer des Zweiten Weltkriegs.


Rüstungsproduktion und Zwangsarbeit in Hildesheim

Mehr als 10 Millionen Menschen wurden zwischen 1939 und 1945 von den Nationalsozialisten aus ihrer Heimat verschleppt. Kriegsgefangene und verschleppte Zivilisten wurden zur Zwangsarbeit, vor allem in der deutschen Rüstungsindustrie, verpflichtet. In Hildesheimer Unternehmen wurden in den letzten Kriegsjahren etwa 10 000 Menschen fremder Nationalitäten eingesetzt. Jede dritte Arbeitskraft war somit ein Zwangsarbeiter oder eine Zwangsarbeiterin.


Das Beispiel „Metallwerk“, VDM Hildesheim

 Werkseingang VDM damals bzw. Werkseingang ThyssenKrupp heuteVDM-MetallwerkDie Vereinigten Deutschen Metallwerke (VDM-Halbzeugwerke GmbH Hildesheim) hatten in Hildesheim am Römerring ihren Standort. Laut Schätzungen waren bis zu 5500 Personen im „Metallwerk“ (Bezeichnung der Hildesheimer Bevölkerung) bei Kriegsende beschäftigt.


Die Produktion von Flugzeugteilen machte VDM Hildesheim zu einem der wichtigsten Rüstungsstandorte im heutigen Niedersachsen. Das VDM-Werk stand als einziges Hildesheimer Unternehmen nach dem Krieg auf der Demontage-Liste der Alliierten.















Arbeitsbuch des Italieners Walter MerliBereits im Frühjahr 1944 waren im VDM-Werk die Zwangsarbeit leistenden Männer und Frauen aus 18 Nationen zahlenmäßig stärker als deutsche Beschäftige vertreten. Die größten so genannten Fremdarbeiter-Gruppen bildeten Russen, Polen, Franzosen und Italiener.














Die Arbeits- und Lebenssituation der ausländischen Arbeitskräfte


Am Beispiel der italienischer Zwangsarbeiter in Hildesheim wurden die Lebensumstände der Betroffenen in den letzten Kriegsjahren ausführlicher dokumentiert. (Hildesheimer Geschichtswerkstatt e. V (Hrsg.).: „Schläge, fast nichts zu Essen und schwere Arbeit“. Italienische Zwangsarbeiter in Hildesheim 1943 – 1945, Hildesheim 2000) Der Italiener Enrico Sartori berichtete über die Zwangsarbeit im VDM-Werk: „12 Stunden Arbeit, eine Kelle Suppe, 100 g Brot. Für einen Tag. Man arbeitete in Schichten, denn man arbeitete eine Woche tags und eine Woche nachts. Schläge, Schläge, Schläge! Weil man vielleicht eine Kartoffel stahl!“ (S. 81) Ein Großteil der zwangsrekrutierten ausländischen Arbeitskräfte lebte im „Gemeinschaftslager Lademühle“, eine von der Deutschen Arbeitsfront verwaltete Unterkunft. Viele der ausländischen VDM-Arbeitskräfte waren im „Werkslager 6001“, das etwa 900 Personen umfasste, untergebracht. Zwangsarbeiter berichteten nach dem Krieg von ihrem Leid, psychologischem Stress, dem Hunger, der Kälte, der Müdigkeit und von Läusen.

[Bild: Lager 6001]

Der Italiener Angelo Digiuni, VDM-Zwangsarbeiter, der 1965 ein Lagermodell anfertigte, berichtete von den bewachenden Wehrmachts- und SS-Soldaten, die teilweise bösartig mit den ausländischen Arbeitskräften umgingen.


Massenhinrichtungen

Nach dem verheerenden Luftangriff auf Hildesheim am 22. März 1945 waren besonders ausländische Arbeitskräfte dem Gestapo- und SS-Terror in Hildesheim ausgesetzt. Die Massenhinrichtungen zwischen dem 26. März und dem 7. April 1945, zunächst inmitten der Marktplatztrümmer, später im so genannten Polizei-Ersatzgefängnis, dem früheren „Seuchenhaus“ auf dem Nordfriedhof (siehe Friedhofsplan am Eingang) sollten angeblich Plünderer abschrecken. Diese Massenmorde zeigten eher die grausame Hilflosigkeit der Hitler-Schergen, die auf bestialische Art und Weise den längst verlorenen Krieg mit ihren begrenzten Mitteln weiterführten.


Ausländische Kriegsopfer auf dem Nordfriedhof

Das Massengrab auf diesem Gräberfeld mit dem Gedenkstein „208 Unbekannte“ (191 Männer und 17 Frauen) verdeutlicht die Dimension der Massenmorde in den letzten Kriegstagen.

Insgesamt liegen heute mehr als 700 ausländische Kriegsopfer auf dem Nordfriedhof begraben. Die ca. 500 Gräber sind in 14 Reihen zu je 24 Grabsteinen unter fünf Linden angelegt. Die meisten der Opfer, vermutlich mehr als 200, stammen aus den Staaten der ehemaligen Sowjetunion. Männer, Frauen und auch Kinder, manche von ihnen in einem Lager für Zwangsarbeiterinnen erst geboren, sind fernab ihrer Heimat Opfer dieses Weltkriegs geworden.

Die Gedenktafel des Deutschen Gewerkschaftsbundes am Beginn des Gräberfeldes erinnert an die Opfer aus den unterschiedlichen Nationen, benennt aber auch die nationalsozialistischen Täter. Der Gedenkstein aus dem Jahr 1969 in „P“-Form soll an die italienischen Opfer erinnern. Die Inschrift „AI CADUTI ITALIANI“ lautet übersetzt „Den italienischen Gefallenen“.

[Bild: Verschwundenes Ausländerdenkmal]

verwundenes AusländerdenkmalAn der Stelle des grob behauenen Dolomitkreuzes stand bis 1959 ein anderes Denkmal mit einem etwa 7 m hohen Metallkreuz. Sollten mit dem Verschwinden des Denkmals auch die Erinnerungen an die Opfer genommen werden?


Ausblick

Das Zusammenleben von Deutschen und Menschen anderer Nationen hat sich im vereinigten Europa grundlegend gewandelt. Die Verfassungen der meisten Staaten haben die Unantastbarkeit der Menschenwürde als Leitidee der Menschenrechte fest verankert. Wachsamkeit und Handeln auf der Basis von Humanität und Solidarität bleiben in unserer Gegenwart für jeden Menschen weiterhin geboten.



„Fühle mit allem Leid der Welt, aber richte deine Kräfte nicht dorthin, wo du machtlos bist, sondern zum Nächsten, dem du helfen, den du lieben und erfreuen kannst.“
(Hermann Hesse)



Anmerkung:
Der Text für die Pulttafel "Ausländische Opfer" auf dem Nordfriedhof wurde von dem Volksbund überarbeitet.
 

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